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Über die Kunst, zu loben
Andreas Gottlieb Hempel arbeitet seit 1969 als freischaffender Architekt. Seit 1972 ist er Mitglied im Bund Deutscher Architekten (BDA), seit 1995 Präsident der Berufsorganisation.

 


Über die Kunst, zu loben

Wir Deutschen loben nicht gerne. Trotzdem möchte ich hier einmal den Versuch unternehmen, zu loben. Wir sind so dran gewöhnt, in einem Meer von Hässlichkeiten zu leben, haben uns daran gewöhnt, "Schrottumgebungen" zu sehen, haben innerlich alle Klappen herunter gelassen. Es macht uns eigentlich schon nichts mehr aus. 

Wir beschäftigen uns mit anderen Dingen und sind dann überrascht, wenn wir in einem kleinen Badezimmer stehen, und da stimmt plötzlich alles: Es ist schön, man sitzt in der Badewanne und sinnt den Fugen nach, die vielleicht mit den Natursteinen gemacht wurden, und denkt, der Architekt hat sich was gedacht. Der Wasserzulauf ist genau im Kreuz angeordnet. Meine Güte, muss das mühsam gewesen sein! Oder ein Bahnhof, dessen Bahnsteige nicht asphaltiert sind, sondern mit Naturstein, mit Granit belegt wurden; noch dazu in unterschiedlichen Farbtönen, um Leuten, die schlecht sehen, die Orientierung zu erleichtern. 

Antoine de Saint-Exupéry hat einmal gesagt : "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Das Merkwürdige ist, wenn man sich in einem solchen spannungsvollen, animierenden Raum bedinget, dass man dort Wohlgefühle entwickelt und dort verweilen möchte. Man möchte Platz nehmen, zum Beispiel in dem Corbusier-Sessel im Entrée der Bank, und man fragt sich: Woher kommt diese angenehme Atmosphäre eigentlich, warum ist hier Wohlsein, warum geht´s dir hier gut? An einem solchen Ort fühle ich mich nicht angegriffen von der Hässlichkeit. Ich spüre dem nach und stelle fest: Das Wesentliche sind nicht die Wände, die Räume, die Raumbegrenzung, sondern im Gegenteil, es ist das Unsichtbare eines Raumes, das zwischen den Distanzen spannungsreich entsteht.

Die Kunst der Architektur bedeutet, etwas sichtbar zu machen, was eigentlich unsichtbar ist, und hat etwas zu tun mit dem Gedanken von dem Wesen des Menschen, dem geistigen Sein des Menschen, der aus dem Körper, der Seele und dem Geist besteht. 

Der Evangelist Johannes hat geschrieben, am Anfang war das Wort, aber davor, so meine ich, vor dem Wort, ist der Gedanke, das Erahnte, das, was uns alle berührt in unserer Zeit, aber auch mit Ewigkeitsanspruch, das, was wir als Sehnsucht spüren in uns. Es drängt nach Materialisation: erst nach dem Gedanken, dann nach den Worten, dann vielleicht nach der Zeichnung, dann nach dem Gespräch, dann nach den Auseinandersetzungen mit dem Material, der Materialisation. Und plötzlich ist es da, hat ein Eigenleben, steht vor uns, ist ein Individuum, lebt für sich selbst, entspricht dem was wir geistig und seelisch empfinden. Und wenn es dann auch noch funktioniert, dann tut es ganz umfassend seinen Dienst. 

So einfach und so schwierig ist Architektur. Das, was ein Planer, ein Architekt, ein kreativer Mensch zu leisten imstande ist in diesem geistigen Film, nach dem sich die Menschen sehnen, in dem sie mitspielen wollen, sichtbar machen kann, materialisieren kann. Er kann etwas eigenes kreativ darstellen, was ihn überdauert. Denn der Gegenstand ist nicht mehr er selbst: Diese Distanz ist geschaffen vom Schöpfer, als ein Ausdruck des Geistigen, das sich materialisiert.

Das steckt hinter Architektur, und das ist unendlich viel mehr wert als der Sog der Hässlichkeit, der zerstört, der unsere Gedanken stört und unser Schönheitsempfinden beeinträchtigt. Doch unter welchen Bedingungen arbeiten Architekten heute?

 
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Dem Text liegt ein Vortrag zugrunde, den der BDA-Präsident Andreas Gottlieb Hempel aus Anlaß der Verleihung des Deutschen Naturstein-Preises 1999 im Rahmen des Architektur-Forums der Messe Stone + tec 1999 in Nürnberg ohne Manuskript gehalten hat. 

Quelle: STEINtime Naturstein + Architektur, Ausgabe 2/1999